Har­ris gegen Pence: Die Gewal­ten­tei­lung und das gro­ße Schweigen

In der Debat­te der Kan­di­da­ten für das Amt des ame­ri­ka­ni­schen Vize­prä­si­den­ten hat die Demo­kra­ti­sche Kan­di­da­tin Kama­la Har­ris drei­mal kei­ne Ant­wort dar­auf gege­ben, ob die Demo­kra­ten den Obers­ten Gerichts­hof durch ‚court pack­ing‘ aus­schal­ten wür­den. Die­se von Demo­kra­ti­schen Spit­zen­po­li­ti­kern vor­ge­schla­ge­ne Pra­xis wäre ein nur schwer wie­der rück­gän­gig zu machen­der Angriff auf die Gewal­ten­tei­lung und die Legi­ti­mi­tät des Obers­ten Gerichts­hofs. Auch Joe Biden woll­te die Fra­ge, ob er das vor­ha­be, vor einer Woche nicht beantworten.

Heu­te mor­gen (deut­scher Zeit) ging die Debat­te der bei­den Kan­di­da­ten für das Amt des Vize­prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, Her­aus­for­de­rin Kama­la Har­ris gegen Amts­in­ha­ber Mike Pence, über die Büh­ne. Die gute Nach­richt zuerst: Es war im Gegen­satz zur ers­ten Debat­te Biden gegen Trump eine zivi­li­sier­te Ver­an­stal­tung. Hier kön­nen Sie die Debat­te sel­ber ansehen:

Bei­de Kan­di­da­ten sind häu­fig Fra­gen aus­ge­wi­chen, und wegen der rela­tiv gerin­gen Bedeu­tung des Vize­prä­si­den­ten­am­tes war es zu gro­ßen Tei­len eine Stell­ver­tre­ter­de­bat­te über die Kan­di­da­ten für das Prä­si­den­ten­amt. Soweit, so absehbar.

Wie schon Biden in der ers­ten Debat­te hat­te auch Har­ris das Pro­blem, sich als mode­rat zu prä­sen­tie­ren, und ver­sprach direkt nach­ein­an­der, dass die Demo­kra­ten die Trump’sche Steu­er­re­form zurück­neh­men wür­den, und dass des­we­gen nie­mand mit weni­ger als 400.000 Dol­lar Jah­res­ein­kom­men mehr Steu­ern zah­len müs­se, zwei Ver­spre­chun­gen, die nicht leicht in Ein­klang zu brin­gen sind. Pence hin­ge­gen reagier­te eher aus­wei­chend auf Fra­gen zu Covid-19 und zum Klimawandel.

‚Court Pack­ing‘ zur Auf­he­bung der Unab­hän­gig­keit des Obers­ten Gerichtshofs

Es gab aber eine hoch­in­ter­es­san­te Stel­le, deren nähe­re Betrach­tung sich lohnt. Das ist die Dis­kus­si­on zur Fra­ge des ‚court pack­ing,‘ dem Stop­fen des Obers­ten Gerichts­hofs mit zusätz­li­chen Rich­tern, einer von man­chen Mit­glie­dern der Demo­kra­ti­schen Par­tei gefor­der­te Stra­te­gie zur Auf­he­bung der rela­ti­ven Unab­hän­gig­keit und Bestän­dig­keit des Obers­ten Gerichtshofs. 

Ame­ri­ka­ni­sche Bun­des­rich­ter haben ihr Amt laut Ver­fas­sung lebens­lang inne, und an die nöti­gen Mehr­hei­ten für eine dies­be­züg­li­che Ver­fas­sungs­än­de­rung ist nicht zu den­ken. Der Kon­gress hat aber das Recht, die Orga­ni­sa­ti­on der Gerich­te und damit auch die Zahl der Rich­ter am Obers­ten Gerichts­hof zu bestim­men. Dar­aus ergibt sich die Idee, dass man ein unko­ope­ra­ti­ves Gericht dadurch gefü­gig machen könn­te, dass man ein­fach die Zahl der Rich­ter erhöht und die neu­en Rich­ter poli­tisch bequem benennt, etwas ähn­lich dem Instru­ment des Pairs­schubs in kon­sti­tu­tio­nel­len Monarchien. 

Rich­ter als poli­ti­sche Ver­tre­ter der gera­de bestehen­den Mehrheit

Das Pro­blem bei die­ser Stra­te­gie ist natür­lich nicht nur, dass sie ein offe­ner Angriff auf die Gewal­ten­tei­lung ist, son­dern noch mehr, dass sie offen­sicht­lich nicht nach­hal­tig ist und den Obers­ten Gerichts­hof als Insti­tu­ti­on ent­wer­ten wür­de. Wenn eine Par­tei den Damm durch­bricht und damit anfängt, wer wür­de es dann der ande­ren Par­tei ver­den­ken kön­nen, bei der ers­ten Gele­gen­heit nach Neu­wah­len ihrer­seits noch mehr Rich­ter zu ernen­nen? Die Ame­ri­ka­ner wäh­len alle zwei Jah­re ihren Kon­gress, so dass man, ist der Damm ein­mal gebro­chen, stän­dig mehr Rich­ter ernen­nen müss­te, deren Zahl schnell jede prak­ti­sche Gerichts­ar­beit unmög­lich machen und die Rich­ter ledig­lich zu Ver­tre­tern der gera­de bestehen­den Mehr­heit im Kon­gress machen wür­de. An die­sem Punkt könn­te man den Gerichts­hof im Grun­de abschaf­fen. Weil die Rich­ter laut Ver­fas­sung lebens­läng­lich amtie­ren, wäre eine sol­che Ent­wick­lung auch kaum umkehrbar.

Frank­lin D. Roo­se­velt hat die­se Stra­te­gie 1937 ver­folgt, ist damit aber geschei­tert, obwohl sei­ne eige­ne Par­tei den Kon­gress kon­trol­liert hat. Aller­dings hat danach der Obers­te Gerichts­hof über­ra­schend sei­ne Mei­nung zu New Deal-Geset­zen, die nach vor­her herr­schen­der Mei­nung den Ver­fas­sungs­rah­men spreng­ten, geän­dert. FDR hat sei­ne Geset­zes­pro­jek­te auch ohne die radi­kalst­mög­li­che Stra­te­gie durch­ge­bracht, damit aber auch mas­siv poli­ti­sches Kapi­tal ver­lo­ren, ins­be­son­de­re die vor­he­ri­ge bedin­gungs­lo­se Unter­stüt­zung sei­ner eige­nen Partei.

Trotz die­ser schlech­ten Erfah­run­gen und der offen­sicht­li­chen rie­si­gen Gefah­ren haben Poli­ti­ker der Demo­kra­ti­schen Par­tei wie Sena­tor Ed Mar­key und Tei­le der links­ge­rich­te­ten Pres­se genau die­se Stra­te­gie vor­ge­schla­gen. Weil man dar­in mit guten Grün­den einen Anschlag auf das mehr als zwei Jahr­hun­der­te bewähr­te Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung sehen kann, haben die Wäh­ler ein gro­ßes Inter­es­se dar­an, wie die ein­fluss­reichs­ten Poli­ti­ker der Demo­kra­ten das sehen.

Kei­ne Ant­wort ist auch eine Antwort

Schon bei der Debat­te vor einer Woche hat Kan­di­dat Biden sich gewei­gert, auf die­se Fra­ge irgend­ei­ne Ant­wort zu geben:

Mode­ra­tor Chris Wal­lace: Herr Vize­prä­si­dent [Biden], […] falls die Repu­bli­ka­ner im Senat Rich­te­rin Bar­rett [für den Obers­ten Gerichts­hof] bestä­ti­gen, ist es im Gespräch, den Fili­bus­ter abzu­schaf­fen oder sogar den [Obers­ten] Gerichts­hof zu stop­fen, indem neue Rich­ter hin­zu­ge­fügt wer­den. […] Das wur­de von eini­gen Ihrer Demo­kra­ti­schen Kol­le­gen im Kon­gress vor­ge­schla­gen. Mei­ne Fra­ge an Sie ist, Sie haben sich in der Ver­gan­gen­heit gewei­gert, dar­über zu reden: Sind Sie bereit, heu­te Nacht der ame­ri­ka­ni­schen Öffent­lich­keit zu sagen, ob Sie die Abschaf­fung des Fili­bus­ters und das Stop­fen des Gerich­tes unter­stüt­zen wer­den oder nicht?

Joe Biden: Egal wel­che Stel­lung ich heu­te bezie­he, das wird zu einem The­ma. Das The­ma ist, dass das ame­ri­ka­ni­sche Volk spre­chen soll­te. Sie soll­ten wäh­len gehen. Sie sind gera­de beim Wäh­len. Wäh­len Sie und las­sen sie ihre Sena­to­ren wis­sen, wie wich­tig es ihnen ist.

Kei­ne Ant­wort ist auch eine Ant­wort. Bei die­ser ers­ten Debat­te könn­te man aber noch auf einen der völ­lig ent­gleis­ten Gesprächs­kul­tur geschul­de­ten Aus­set­zer hof­fen, zumal sich Biden in der Ver­gan­gen­heit gegen die Schaf­fung zusätz­li­cher Rich­ter­sit­ze zur Erzie­lung von Mehr­hei­ten aus­ge­spro­chen hat­te. Kama­la Har­ris hat die­se Hoff­nung heu­te mor­gen klar und bewusst begraben.

Wäh­rend weder Chris Wal­lace noch Donald Trump auf die Nicht­ant­wort Bidens nach­ge­fasst haben, hat Pence das mit Har­ris gemacht, und nicht ein- son­dern drei­mal gefragt, ob sie den Gerichts­hof stop­fen wol­le oder nicht. Die ers­ten bei­den Male hat sie die Fra­ge voll­kom­men igno­riert und über ande­re The­men gespro­chen. Beim drit­ten Mal war die Ant­wort dann diese:

Mike Pence: Sie wis­sen, das Volk hat eine ehr­li­che Ant­wort ver­dient, und, falls Sie es noch nicht her­aus­ge­fun­den haben, die ehr­li­che Ant­wort ist, dass sie den Obers­ten Gerichts­hof stop­fen wer­den, wenn sie irgend­wie die­se Wahl gewin­nen. Män­ner und Frau­en, ich muss Euch Leu­ten über­all in die­sem Land sagen, wenn Sie die Gewal­ten­tei­lung wert­schät­zen, dann müs­sen Sie am drit­ten Novem­ber den Biden/Harris Wahl­vor­schlag zurück­wei­sen, Prä­si­dent Trump wie­der­wäh­len, und wir wer­den hin­ter die­ser Gewal­ten­tei­lung in einem neun­sit­zi­gen Obers­ten Gerichts­hof stehen.

Kama­la Har­ris: Ja. Las­sen Sie uns über das Stop­fen des Gerichts­hofs reden. Las­sen Sie uns über die Fak­ten reden.

Mike Pence: Bit­te.

Kama­la Har­ris: Ja, ich fan­ge gera­de an. Also, die Trump-Pence-Regie­rung hat, weil, ich sit­ze im Jus­tiz­ko­mit­tee des Senats, Sus­an, wie Sie erwähn­ten, und ich habe die Ernen­nun­gen für Lebens­stel­lun­gen bei den Bun­des­ge­rich­ten erlebt, Bezirks­ge­rich­te, Beru­fungs­ge­rich­te, Men­schen, die rein ideo­lo­gisch sind, Men­schen, die von Juris­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen beur­teilt wur­den und für nicht kom­pe­tent oder unge­nü­gend befun­den wur­den. Und wis­sen Sie, dass von den fünf­zig Men­schen, die Prä­si­dent Trump für Lebens­stel­lun­gen an den Beru­fungs­ge­rich­ten nomi­niert hat, kein ein­zi­ger schwarz ist? Das ist, was ich gemacht habe. Sie wol­len über das Stop­fen eines Gerichts reden? Las­sen Sie uns dar­über reden. […]

Mike Pence: Ich möch­te fest­hal­ten, dass sie die Fra­ge nie beant­wor­tet hat. Viel­leicht wird Joe Biden die­se Fra­ge in der nächs­ten Debat­te beant­wor­ten, aber ich den­ke, das ame­ri­ka­ni­sche Volk kennt die Antwort.

Har­ris hat auf drei­ma­li­ge Nach­fra­ge und den direk­ten Vor­wurf, mit der Gewal­ten­tei­lung und der rich­ter­li­chen Unab­hän­gig­keit einen Grund­pfei­ler der Ver­fas­sungs­ord­nung angrei­fen zu wol­len, nicht geant­wor­tet. Als Juris­tin ist ihr die Trag­wei­te die­ses Vor­wurfs bekannt, und bei der drei­ma­li­gen Wie­der­ho­lung in einer recht ruhi­gen Dis­kus­si­on kann sie ihn auch nicht über­hört oder ver­se­hent­lich über­gan­gen haben. Kei­ne Ant­wort ist auch eine Antwort.

Legi­ti­mi­täts­ver­lust der Gerich­te als eigent­li­ches Ziel

Oder schlim­mer noch, Har­ris‘ Ant­wort könn­te eine Ant­wort gewe­sen sein. Bei der drit­ten Nach­fra­ge scheint ihre Ant­wort, will man sie nicht als rei­nes Ablen­kungs­ma­nö­ver sehen, dar­auf hin­aus­zu­lau­fen, dass das wah­re Gerichts­stop­fen nicht die Aus­wei­tung der Sit­ze am Obers­ten Gerichts­hof sei, son­dern die Ernen­nung von Rich­tern durch den Repu­bli­ka­ner Donald Trump, an deren Stel­le ein Demo­krat viel­leicht ande­re Rich­ter ernannt hät­te, mit aus ihrer Sicht unge­nü­gen­der Reprä­sen­ta­ti­on Schwarzer.

Das könn­te man dann eigent­lich nur so ver­ste­hen, dass die Gerich­te als Insti­tu­tio­nen des alten, wei­ßen, kon­ser­va­ti­ven Man­nes ohne­hin schon ille­gi­tim sei­en, und der Legi­ti­mi­täts­ver­lust des Obers­ten Gerichts­hofs nach­dem er gestopft wür­de kein Nach­teil die­ser Stra­te­gie son­dern ihr eigent­li­ches Ziel, min­des­tens ein Vor­teil sei. Es reicht in die­ser Les­art ihrer Ant­wort nicht, dafür zu arbei­ten, dass man durch gewon­ne­ne Wah­len sel­ber in die Lage ver­setzt wird, ent­spre­chend dem nor­ma­len Ver­fas­sungs­pro­zess auch wie­der Rich­ter ernen­nen zu dür­fen, son­dern die Insti­tu­tio­nen der Gerich­te als sol­che soll­ten geschleift werden.

Rea­li­ty-TV-Stern Trump in der uner­war­te­ten Rol­le als Katechon

Man wird sehen, inwie­weit die Repu­bli­ka­ner in der Lage sein wer­den, die­ses Schwei­gen bei­der Kan­di­da­ten der Demo­kra­ten zum Stop­fen des Obers­ten Gerichts­hofs in poli­ti­sche Mün­ze umzu­set­zen. Bei vie­len The­men haben die Kan­di­da­ten der Demo­kra­ten Krei­de gefres­sen und bis­wei­len sogar Posi­tio­nen Donald Trumps direkt über­nom­men, auch wenn dabei Selt­sam­kei­ten her­aus­kom­men, wie dass die Steu­er­re­form zurück­ge­nom­men, die Steu­ern aber nicht erhöht wer­den sollen.

Ein ange­kün­dig­ter mas­si­ver Angriff auf die Gewal­ten­tei­lung nebst ande­rer radi­ka­ler Aus­sa­gen könn­te geeig­net sein, dem Wahl­kampf wie­der mehr den Cha­rak­ter eines Rich­tungs- statt eines Kom­pe­tenz- oder Sym­pa­thie­wahl­kampfs zu geben: Die radi­ka­len Demo­kra­ten, so könn­ten die Repu­bli­ka­ner nicht ohne Grund argu­men­tie­ren, woll­ten die von oben die Gewal­ten­tei­lung angrei­fen und von unten mit poli­tisch ver­netz­ten brand­stif­ten­den Fuß­trup­pen Druck machen. Sie woll­ten die Ver­fas­sung angrei­fen, was auch Joe Biden nicht wol­len wird, aber nicht ver­hin­dern kann, ein Wahl­sieg der Repu­bli­ka­ner aber schon. Dage­gen stün­de der Rea­li­ty-TV-Stern Donald Trump in der uner­war­te­ten Rol­le als Kat­echon einer von vie­len Ame­ri­ka­nern durch­aus mit reli­giö­sen Kon­no­ta­tio­nen ver­ehr­ten Verfassung.