Lego hat im letzten Moment vor offiziellem Verkaufsstart sein Set der Bell Boeing Osprey zurückgezogen. Offenbar ist es ihnen im letzten Moment, nach einem vermutlich jahrelangen Lizenzierungs- und Designprozess, nach einem halben Jahr Werbung für das Set, eingefallen – dass es sich hierbei um ein Militärflugzeug handelt!
Lustigerweise gab es um dieses innovative Flugzeug außer den zahlreichen technischen und finanziellen Problemen auch vor fünfzehn Jahren schon einen kleinen Skandal, als der Hersteller folgende Anzeige erst schaltete und dann nach Beschwerden zurückzog:

Nun kann man sich natürlich schon fragen, warum es überhaupt der Hersteller für nötig befindet, Anzeigen für ein Produkt zu schalten, das man nicht mal so eben als Spontankauf an der Supermarktmasse mitnimmt. Wer so ein Ding braucht, der weiß vermutlich von ihm.
Noch mehr kann man sich fragen, wie Lego es geschafft hat, bei einer bekannten und kommunizierten Politik, dass man keine ‚realistischen‘ Waffen als Spielzeug herstelle, in einem jahrelangen Entwicklungsprozess nicht zu bemerken, dass es sich bei einem Modell, für das man sich beim Hersteller eine Lizenz holt, um ein Militärflugzeug handelt.
Keine moralischen Bedenken gegen Hinrichtungsspielzeug
Weiter kann man sich fragen, ob es nicht etwas heuchlerisch ist, wenn Lego im Sinne der Pädagogik Kriegsspielzeug ablehnt, dann aber einen erheblichen Teil seines Geschäfts mangels eigener Kreativität mit Star Wars-Lizenzprodukten bestreitet.
Es bestehen auch keine moralischen Bedenken gegen ein Piratenschiff-Set, das sogar noch eine Planke enthält, über die dann mittig auf der Verpackung mit vorgehaltenem Schwert ein Opfer getrieben wird, eine in der Tat widerwärtige Hinrichtungsmethode, von der nicht ganz klar ist, ob sie überhaupt so in nennenswertem Umfang betrieben wurde:

Das neuere Set 31109 enthält ebenfalls eine Planke und eine auf der Verpackung dargestellte Hinrichtung damit, so dass das kein einmaliger Ausrutscher sondern ein wiederholt dargestelltes Thema ist. Noch besser: Die Hinrichtung durch Über-die-Planke-Gehen gefällt Lego so gut, dass sie es fertigbringen, ein Spiel herauszubringen, das sich darum dreht:

Ja, das ist richtig. Lego hat ein Spiel, dessen Aufmachung und Spielidee von einer barbarischen Tötungsmethode bestimmt ist. Gibt es als nächstes ein Spiel rund um den elektrischen Stuhl, mit einem Voltmeter als Punktestandsanzeiger?
Aber Kriegsspielzeug? Niemals! Noch nicht einmal ein technisch in der Tat hochinteressantes Flugzeug in der Technic-Serie, bei der man sich eher an rotierenden Zahnrädern erfreut, als damit Krieg zu spielen. Außer: Nun ja, Jagdflugzeuge wie die Fokker Dr.1 gab es auch schon (Set 10024).
Verlogenheit der Cancel-Culture
Es zeigt sich hier verdichtet an einem unwichtigen und deshalb harmlosen Beispiel die Verlogenheit unserer Cancel-Culture, wie die Amerikaner das nennen. Man hält angebliche moralische Prinzipien hoch, jemand meckert, und das muss raus, sofort. Außer man verdient viel Geld damit, wie insbesondere mit Legos Star Wars-Lizenzserie, dann ist es OK.
Es scheint mir im Übrigen auch schon die Prämisse, dass Waffen kein geeignetes Spielzeug abgäben, fraglich. Schon im Tierreich probieren die Kleinen spielerisch ihre Zähne, Klauen und was sie sonst noch haben aus, und lernen so einerseits, zu jagen oder sich zu verteidigen, andererseits aber auch, wie man vermeidet, damit unbeabsichtigt Artgenossen wehzutun. Das hat eine verhaltensbiologische Grundlage. Es hat auch eine verhaltensbiologische Grundlage, dass Jungen sich im Durchschnitt mehr für Waffen und Kampfspiele interessieren als Mädchen. Das kann man in sinnvolle oder weniger sinnvolle Kanäle lenken, aber es abschaffen zu wollen erscheint mir weder möglich noch wünschenswert.